Was Eierkuchen mit Arbeitsplätzen zu tun haben

Ja, genau so komische Gedanken gehen mir durch den Kopf. Und das an einem Wahlsonntag. Wie kommts?

Nun, ich muss heute nicht wählen und war froh, einfach mal zuhause bleiben zu können. Irgendwann im Laufe des Nachmittags bekam ich Appetit auf Kuchen. Nun haben alle Bäckereien in der Umgebung schon zu.Ich kam zu dem Schluss, mich nicht darüber zu ärgern, sondern mir einfach Eierkuchen zu machen, weil ich weiß:

Die liberalisierten Ladenöffnungszeiten haben nicht, wie erhofft, echte Arbeitsplätze geschaffen. Ganz im Gegenteil: Normale Arbeitsplätze werden immer mehr durch Zeitarbeit, Aushilfsstellen, Minijobs etc. ersetzt.

Wie kommt das?

Öffnungszeiten spät abends oder sonntags sind in den meisten Tarifverträgen zuschlagpflichtig und somit für Arbeitgeber teuer. Also muss erstens: dieses Modell für die erweiterten Öffnungszeiten umgangen werden, um Geld zu sparen und zweitens noch mehr Geld gespart werden, um die zusätzlichen Energiekosten etc. aufzufangen und auch noch konkurrenzfähig zu bleiben. Will man jetzt dadurch wirklich noch Gewinn machen, gibt es wieder nur eine „Lösung“. Den Beleg dafür habe ich vor der Haustür: die Karl-Marx-Allee im Berliner Stadtteil Friedrichshain zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor. Hier gibt es inzwischen SECHS schicke Zeitarbeitsfirmen, die um Arbeitnehmer buhlen. Ich habe es nicht wirklich recherchiert, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass die Mitarbeiter dieser Firmen den jeweiligen Tariflohn für ihre ausgeübten Berufe bekommen.

Ein anderes Beispiel:

Eine Textil-Billigkette, die zwar sehr angesagt ist, aber auch schon in den Schlagzeilen war, verhielt sich aus meiner Sicht vorbildlich, als in einem Einkaufszentrum die Öffnungszeiten (jeden Tag) auf 22 Uhr erweitert wurden. Das Ganze ist eine Werbegemeinschaft, d.h. die Geschäfte sind idR verpflichtet, da mitzuziehen. Eben jene Kette zog es vor, weiterhin um 20 Uhr zu schließen und lieber eine Vertragsstrafe zu zahlen. Ungefähr ein halbes Jahr später nahm man die sehr langen Öffnungszeiten bis 21 Uhr zurück. Und benannte Kette zahlt keine Vertragsstrafe mehr, sondern öffnet bis 21 Uhr.

Mein Fazit:

Eine generelle Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten ist für mich solange nicht tragbar, wie Tarifverträge mittels Zeitarbeit etc. einfach umgangen werden können. Die Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können. Menschen in Zeitarbeit sollen den Tariflohn ihres ausgeübten Berufs erhalten. Das macht sie für die ausleihenden Betriebe zwar teurer, dafür haben diese aber auch die soziale Verantwortung für diese Mitarbeiter nicht (Soweit ich weiss, gibt es Länder, die das genau so handhaben und die nicht allzuweit entfernt sind). Das hielte ich für eine sinnvolle Regelung.

Minijobs dürfen nicht als Ersatz für Vollzeitjobs herangezogen werden.

Ja, all das bewirkt auch, dass Dinge für uns teurer werden könnten. Bequemlichkeit hat ihren Preis! Für mich ist es das wert. Ich werde deshalb nicht mehr im Internet einkaufen als bisher, sondern sogar häufiger doppelt nachdenken, ob das sein muss. Viele Internethändler haben ihre ganz eigenen Methoden, Geld zu verdienen, bei zugegeben verlockenden Preisen. Auch ich muss sehen, dass ich mit meinem Geld hinkomme. Aber Arbeitsplätze in der Region vernichten zu helfen (unter Umständen zugunsten untertariflich bezahlter anderer Stellen), macht mir zunehmend ein schlechtes Gewissen und ich finde das richtig so, weil das für mich ein Zeichen ist, dass ich noch nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehe.

Bei der Gelegenheit: ich arbeite selbst im Einzelhandel. Es gibt immer weniger Personal dort, weil die Geschäfte Mieten etc. kaum beeinflussen können. Sparen geht meist nur beim Personal, weil $Kunde Ansprüche hat.

Vielleicht beschwert Ihr Euch mal nicht über das vorhandene Personal, sondern über das nicht vorhandene. Versucht mal, Euch in die Lage der wenigen Mitarbeiter zu versetzen. Ständig von Leuten angepöbelt zu werden, demotiviert ungemein..Die Mitarbeiter vor Ort können kaum etwas für die Zustände dort. Denkt bitte mal daran, dass das Menschen sind, die um ihre Jobs kämpfen. Und ein Lächeln kostet NICHTS. Ein „Guten Tag!“ auch nicht.

In diesem Sinne bin ich froh, dass die Bäckerei hier heute nachmittag geschlossen hatte. Die Eierkuchen haben wirklich geschmeckt!

(Übrigens: die Bäckerei hier vor der Haustür hat vor einiger Zeit die Preise kräftig angehoben und ein A4-Schild hingestellt, dass die teuren Mitarbeiter schuld seien. Ich glaube kaum, dass die Erhöhung an die Mitarbeiter ging…)

 

Update 14.2.2013:

Ja, ich weiß, dass dieser Artikel weniger mit den Arbeitsbedingungen bei Amazon zu tun hat. Letztendlich weist er aber auf eine Gemeinsamkeit hin: Kunden bekommen, was sie wollen. Irgendwie. Darüber sollten wir nachdenken.

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