Warum wir mehr Miteinander wagen sollten

Da sind sie wieder:

Lautstarke Diskussionen, jedes weiß es besser und alle anderen haben ja sowieso keine Ahnung. Wie leid ich das bin. Nur nie nachgeben. Andere haben gefälligst meiner Meinung zu sein, sie ist eh die einzig richtige.

Wenn ich mich selbst mal so beobachte, reagiere ich auf „Du musst“ in der Regel mit der Haltung: „Nö, muss ich nicht.“ Ich glaube, so ist Mensch irgendwie von Natur aus. Kinder, denen Vorschriften gemacht werden, reagieren oft trotzig.

In der Schule musste ich damals Russisch lernen. Ich habe es gehasst. Heute möchte ich diese Kenntnisse von mir aus reaktivieren und erweitern, ganz ohne dass mich jemand dazu zwingt oder drängt.

Bei einem Streit mit einem Telefonanbieter lernte ich:

In manchen Situationen werden leise Töne eher gehört als laute.

Also ganz zuerst: Dieses Stückchen Text soll versöhnen, nicht spalten. Es soll zum Nachdenken anregen und unnötige Fronten abzubauen helfen.

Ich verfolge nun seit geraumer Zeit diverse Diskussionen um Gender-foo, Sprachzeugs, Literatur, SMV usw. In all diesen Diskussionen gibt es jede Menge Argumente. gute, weniger gute und welche, die daneben sind. Vielen davon mag ich mich inzwischen gar nicht mehr anschliessen, weil hier gar nicht mehr versucht wird, Menschen zu überzeugen. Jedes geht wie selbstverständlich davon aus, dass seine Meinung die einzig wahre ist. Ich möchte aber nicht gedrängt werden.

Ich möchte überzeugt werden. Die „Holzhammermethode“ funktioniert da bei mir in den allerseltensten Fällen.

Eure Meinung mag richtig sein. Ich mag mich irren. Anstatt weggedrängt zu werden, möchte ich aber lieber mit Respekt behandelt werden. Ich möchte mit sachlichen Argumenten in vernünftigem Ton zu Nach- und/oder Umdenken kommen oder auch die Chance haben, Euch meine Argumente erklären zu dürfen. Geht das?

Statt Menschen wegzudrängeln oder vor sich herzuschubsen, statt mit Scheuklappen loszugehen und keine anderen Argumente zuzulassen, immer fleissig draufzuhauen, könnten wir ja auch mal MITeinander reden. Und nein, ich möchte hier keine Spinner, Relativierer oder sonstiges in der Richtung verteidigen.

Wir haben aktuell z.B. die Debatte um eine ständige Mitgliederversammlung. Eines der einleuchtendsten Argumente dafür ist wohl die Tatsache, dass wir mit den wenigen bezahlbaren Bundesparteitagen die Masse an Arbeit nicht schaffen. Ich kenne uns alle diesbezüglich, dass wir ja so Tooldebatten irgendwie „lieben“, aber bringt es uns weiter, wenn wir uns daran festbeißen? 😉 Wenn wir uns nun erstmal einen Plan machen, was sichergestellt werden muss und was weniger wichtig ist, was hält uns davon ab, später zu schauen, welches Tool am besten passt? Klingt einfach, ist es aber nicht. Wir hauen uns die Köpfe ein, weil es verschiedene Meinungen gibt, jedes weigert sich, sich die Argumente anderer auch nur anzuhören.

So funktioniert das nicht und wir reden ein wichtiges Thema kaputt.

Können wir bei all den Meinungen nicht erstmal nach Gemeinsamkeiten suchen, statt nach Unterschieden?

Irgendwann ist der Druck, „die richtige Meinung zu haben“, so groß, dass zumindest ich mich vom Thema resignierend abwende.
Ich befürchte, mit diesem Verhalten nicht allein zu sein. Wenn wir Menschen unsere Meinung „überhelfen“, nehmen wir ihnen das eigentliche (Um)Denken ab und ändern in den Köpfen nicht viel. Machen wir da nicht genau das, was wir „Symptombehandlung“ nennen? Wir verheizen uns gegenseitig und unser produktives Potenzial sinkt.

Ich bin übrigens davon überzeugt, dass wir „mal wieder runter kommen“ dürfen, dass uns das gut täte, sowohl was unseren Seelenfrieden als auch unsere Arbeit angeht. Darum wünsche ich mir, dass wir vernünftig miteinander umgehen, sachlich und fair argumentieren – überzeugen. Das ist schwierig, langwierig und zermürbend, aber auch nachhaltig, wenn wir gemeinsam dranbleiben.

Schließlich gibt es keine perfekten Menschen, aber einige, die an sich arbeiten.

Alle unsere Themen sind zu wichtig, um sie Trotzreaktionen zu opfern. Wer für etwas kämpft, muss mit Widerstand rechnen, auch mit dem eigenen. Ich will Themen aus Überzeugung unterstützen, andere überzeugen. Ich gehe dafür auch den mühsamen Weg. Ist es nicht vielleicht ein guter Weg, entspannter zu überzeugen, indem wir fragen, anstatt Dinge zu behaupten?

Wer fragt, erspart sich Ärger.

(Das habe ich mal in einer Fortbildung gelernt, man stellt sein Gegenüber nicht pauschal ins Unrecht.)

Vielleicht habt Ihr gerade eine Diskussion mit einem Menschen, das im Grunde längst auf Eurer Seite steht. Sind verbale „Warnschüsse“ in so einem Fall nicht eher katastrophal?

Im Kleinen wie im Großen: Nehmt Menschen mit. Übt das! Kritisiert konstruktiv, auch euch selbst. Lacht über euch selbst und gemeinsam.

Ob ihr das nun Selbstreflektion oder wie auch immer nennt, ist völlig egal. Bedenkt einfach nur: ihr habts mit anderen Menschen zu tun, die vielleicht nicht über die gleichen Informationen verfügen wie ihr, die vielleicht andere Erfahrungen haben.

Streitet euch! Vergesst aber nicht, euch zum Schluss wieder zu vertragen!

Mit Sympathie geht so vieles leichter. Nicht jedes mit anderer Meinung ist euer Feind! Mehr denn je brauchen wir vernünftigen und lebhaften Diskurs. Wir haben viele Themen, viele Baustellen, die beackert werden wollen. Das ist nur konstruktiv zu schaffen. Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir direkt bei uns selbst anfangen, weitere Menschen überzeugen, ihnen zeigen, dass unser Weg Vorteile bietet.

Wir sollten uns als erstes die Zeigefingermethode abgewöhnen. Sie funktioniert nicht! Und auch sogenanntes „friendly fire“ macht Dinge kaputt, Dinge, die wir eigentlich ALLE wollen.

Und nochwas: Das Beispiel, auf das ich mich hier heute bezog, ist EINES von vielen. Ihr könnt selbst denken. Übertragt den Text einfach mal auf Eure (zwischenmenschlichen) Baustellen. Bei allen Meinungsverschiedenheiten haben wir doch letztlich ein gemeinsames Ziel, auf das es sich zu konzentrieren gilt. Lasst uns unsere Kraft bündeln, um gemeinsam unsere Themen energisch und überzeugend nach aussen zu vertreten!

Was ich übrigens leider extra nochmal betonen muss: ich nehme keine Leugner, Nazis, Esotheriker etc. mit. Warum sollte ich auch. Ginge es nach dem, was solche Leute wollen, gäbe es mich gar nicht.

An alle anderen:
Mehr Sympathie wagen! Mehr Empathie wagen! Mehr Miteinander wagen!

P.S.: Was Ihr hier gerade gelesen habt, ist durch konstruktive Zusammenarbeit deutlich aufgewertet worden. 🙂

1 Kommentar zu “Warum wir mehr Miteinander wagen sollten”

  1. Rainer sagt:

    Überzeugen? Ja, klar
    Jeder – ich natürlich ebenso – glaubt die richtige Meinung zu einem Thema zu haben. Und dann verteidigt man „seine“ Meinung mit Argumenten. Das ist in Ordnung.
    Phrasen und Zitate sind da schon bedenklicher, oder das Verstecken hinter der Meinung eines anderen.
    Mich kann man mit guten Argumenten überzeugen, dass „man“ Recht hat und ich revidiere meine Meinung.
    Und das wünsche ich mir auch bei anderen, die an einer Diskussion teilnehmen.
    Den Argumenten zuhören und darüber nachdenken, sie gegen die eigenen Argumente abwägen und letztzlich seine eigene Meinung bilden.
    Das kann durchaus die sein, mit der man schon kam – aber man hat sie nun überdacht.
    Das sehe ich als Miteinander

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