Blut und Organe spenden? Jein!

Ich fuhr heute wie jeden Tag zur Arbeit und sah dabei mal wieder so ein Blutspendemobil. Das regte mich wieder mal ziemlich auf.
Warum?

Eine kleine Erklärung: Wenn ich zur Blutspende gehe, bekomme ich einen Fragebogen, der mir ein paar pikante Fragen stellt, deren Beantwortung nach meinem letzten Wissen an Eides statt erfolgt und Schlussfolgerungen zulässt, ob ich eben jener Risikogruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), angehöre. Warum? Als MSM darf ich kein Blut spenden, weil ich pauschal einer Risikogruppe zugerechnet werde, der man offenbar unterstellt, dass jedes ungeschützt mit jedem rummacht und keines auf die eigene Gesundheit achtet. Man schätzt den Anteil homosexueller MSM, einer untergruppe der MSM auf ca 5% der Bevölkerung. Ein Teil der Risikogruppe umfasst in der Bundesrepublik Deutschland also ca. 4 Millionen Menschen. Und darin sind die restlichen Menschen, die der Gruppe der MSM zugeordnet werden, nicht enthalten. Menschen, deren Blut unerwünscht ist.

Wenn ich beim Klettern in den Bergen abrutsche und mir jemand die Hand reicht, um mich zu retten, würde ich jedenfalls nicht danach fragen, ob er Sex mit Männern hat, sondern mich über die Hilfe freuen.

Im Übrigen ist es so, das ich auch andere Organe nicht spenden darf, solange ich lebe, denn da ist ebenso schwules Blut dran. Wenn ich tot bin, ist das Homosexuelle übrigens verschwunden. Dann darf ich, einfach so, Organe spenden. Also willige ich auch nicht in eine Organentnahme ein, so traurig das ist.

Auf die Frage, warum man das Blut nicht einfach auf tatsächliche  Risiken testet, gibts zumeist die Antwort, dass die Tests nicht zu 100%  sicher sind. Aha.
Ein Fragebogen ist es aber?
Ein Fragebogen, bei dem  niemand nachvollziehen kann, ob die gegebenen Antworten auch  wahrheitsgemäß und vollständig sind?
An Eides statt? Naund?
Bitte WER  ist sich an der Stelle der möglichen Folgen einer falschen Aussage  bewusst? Wem nützt die Eidesstattliche Versicherung, nachdem eine  Infektion auftrat? (Der letzte mir bekannt gewordene größere Fall war  übrigens Tollwut, und die ist bei Homosexuellen nicht verbreiteter als bei allen anderen auch)
Würdet Ihr lieber einem nicht ganz zuverlässigen Test trauen oder einem Blatt Papier? Ich persönlich finde Fragen nach Risiken durchaus ok, aber die möchte ich bitte ALLEN Spendenden stellen. Zusätzliche Tests bringen sicher keine perfekte, aber zusätzliche Sicherheit.
Wie  ist das eigentlich mit unserem Gesundheitssystem? Ich selbst achte schon ein wenig auf mich. Meine Erfahrung in letzter Zeit war die: Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich zum Arzt. Dort sitze ich 2 Stunden im Wartezimmer, 2 Minuten im Sprechzimmer und werde ohne Untersuchung krankgeschrieben oder bekomme irgendwas verschrieben, was mir auch nicht hilft. Ich vermute, dessen sind sich die Verantwortlichen bewusst.
Also trauen wir diesem System lieber nicht, sondern gehen auf „Altbewährtes“, nämlich Vorurteile zurück. Die kosten wenigstens nichts. Diese völlig veralteten Ansichten sind verbreiteter, als man es ahnen  mag. Und weil es so bequem ist, fragt UNS niemand, ob wir vielleicht auf  unsere Gesundheit achten, oder nicht.
Ja,  ich weiß, dass es in der Szene Menschen gibt, die sich absichtlich mit HIV anstecken lassen. Ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die dies absichtlich tun. Ich weiß, dass diese Menschen für mich – sorry – dumme  Arschlöcher sind, die die Kosten für die anschliessende HIV-Behandlung und den ganzen Rest drumherum eigentlich selbst bezahlen sollten. Das  würde ich persönlich aber NIEMALS 4 Millionen Menschen pauschal unterstellen! NIE NIE NIE!
Die meisten Homosexuellen achten auf Sicherheit, davon bin ich fest überzeugt. Weil ich es auch tue.
Im Übrigen: Homosexualität ist nicht ansteckend oder übertragbar. Welch schräge Ansichten noch heute kursieren, ist entsetzlich. Nachdem ich  mich über eine ihrer Aussagen aufgeregt hatte, wurde ich von einer MdB der CDU gefragt, ob ich ein Problem mit Homophobie habe. An dieser Stelle sage ich: JA. Weil sie nicht in unsere Zeit gehört und doch überall herumkriecht, bis in unsere Regierung hinein, in Schulen,  Gemeinschaftseinrichtungen, in Freizeit- und auch Profisport, Ü-BER-ALL!
In was für einem bigotten Land leben wir eigentlich?
Sind wir wirklich SO dämlich?
Können wir es uns erlauben, auf Blut- und Organspenden einer SO riesigen Bevölkerungsgruppe zu verzichten, nur wegen dämlicher Vorurteile, weil wir unsere Komfortzone nicht verlassen wollen, nicht  nach- oder umdenken wollen? Wenn ja, halte ich „Der Mensch ist die Krönung der Schöpfung“ für die schlimmste Lüge aller Zeiten.
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2 Kommentare zu “Blut und Organe spenden? Jein!”

  1. LadyUnbekannt sagt:

    Das alles macht mich total wütend und ich kann das, was du schreibst, gut und gerne unterschreiben. Nur, hast du eine Lösung? Nicht spenden hilft ja leider auch nicht weiter…wenn keine Blutkonserven vorhanden sind, trifft das doch wieder die „Falschen“…
    und NEIN, wir können nicht auf die Blut- und Organspenden von Homosexuellen verzichten…es gibt auch nicht einen einzigen Grund dafür!

    1. chaosrind sagt:

      Nun, genau darum schrieb ich ja, ob wir wirklich so blöd sind…
      Ändern lässt sich das meines Erachtens nach nur auf politischem Wege. Darum hatte ich mich sehr darüber gefreut, dass die Piraten einen Antrag zu dem Thema im Gepäck für den letzten Parteitag in Bochum hatten.
      Auch wenn daran herumkritisiert wurde, dieser Antrag wollte genau DA was ändern. Wir dürfen das einfach nicht aus den Augen verlieren.

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